The Travel Episodes

Auf The Travel Episodes verschmelzen die Grenzen: Ausgewählte Autoren erzählen multimedial in Text, Video und Foto ihre Erlebnisse in inspirierenden Reisereportagen. Fokussiert auf die Geschichte, ohne ablenkende Elemente. Der Leser kann durch sein Scrollen die Geschwindigkeit der Geschichte selbst steuern. Die Episoden erscheinen auf deutsch und englisch.

Nach der Grimme-prämierten „Reisedepesche“ und der führenden Reiseblog-Plattform „Reisedepeschen“ etabliert Johannes Klaus mit The Travel Episodes eine neue Form des Erzählens von Reisegeschichten – mit allen Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Eine Geschichte hat mich besonders berührt. Es ist die Geschichte von Jennifer und Peter Glas, die mit einem Unimog von München nach Wladiwostock fuhren

JENNIFER.

Ich sitze am Ufer des Pazifiks an der wilden Ostküste Russlands, im fernen Sibirien, unweit der idyllischen Hafenstadt Wladivostok. Ich blicke auf das Meer und voller unbestimmter Sehnsucht beobachte ich die großen Schiffe in der Ferne. Ich versinke in meinen Gedanken und lausche der melancholischen Folklore, die aus einem kleinen Zelt unweit unseres Trucks zu vernehmen ist.

Neulich wurden wir gefragt, warum wir das eigentlich machen. Diese Reise. Nach kurzem Überlegen kam ich zu einer recht simplen Antwort:

„Weil es eigentlich keinen Grund gibt, das nicht zu machen.“

Es ist der frühe Sommer 2012. Peter und ich sitzen in einem kleinen Lokal in meinem Münchner Viertel – und zittern. Beide halten wir uns verkrampft an einem Glas Wein fest und blicken nervös auf die Platzdeckchen auf dem Tisch. „Was tun wir da eigentlich?“ fragen wir uns immer wieder kopfschüttelnd. Sind wir wahnsinnig? Mein Herz klopft. Irgendetwas tanzt in meinem Bauch. Ich trinke einen großen Schluck Wein. Einen sehr großen.

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Wir kennen uns gerade viereinhalb Monate. Zugegeben – wir kennen uns für die Kürze der Zeit recht gut. Doch ist das ausreichend, um sich gemeinsam in ein Abenteuer zu stürzen? Wir haben noch nie zusammen gewohnt.

What the hell am I doing here?

Vor uns auf dem Tisch liegt ein handgeschriebener Kaufvertrag. Es geht um einen Truck. Einen fast 30 Jahre alten LKW. Einen Siebeneinhalbtonner! Er soll unser erstes, gemeinsames Zuhause werden. Geht das gut? Und mit diesem Zuhause wollen wir nach Osten fahren. So weit – bis es nicht mehr weiter geht. Oder genau so lange wie wir Freude daran haben.

Doch kann ich das denn einfach so machen? Kann ich nach viereinhalb Monaten einen gemeinsamen Lebensabschnitt on the road planen? Mit einem Menschen, den ich eigentlich kaum kenne? What the hell …? Kann ich einfach meinen sicheren Job kündigen? Darf ich meinen beruflichen Werdegang unterbrechen? Oder gar beenden? Meine Sicherheit aufgeben? Meine Komfortzone verlassen? Kann ich meine großzügige Wohnung gegen sieben Quadratmeter engsten Wohnraum eintauschen? Kann ich einfach alles aufgeben um mich mit Peter auf den Weg in die Welt aufzumachen? Ich schaue ihn an. Wir müssen lachen. Schnell sind wir uns einig: Wir können.

Hell, yeah!

Als Peter und ich uns kennenlernen, befinden wir uns in einer ähnlichen Lebensphase. Wir sind fleißig, wir leben bewusst und intensiv in Basel – beziehungsweise in München. Wir haben wundervolle Freunde. Wir reisen gerne. Wir haben uns ausgetobt. Wir sind beruflich mehr oder weniger erfolgreich – auch wenn wir unsere Tätigkeiten in regelmäßigen Abständen hinterfragen. Wir sind aktiv. Wir können am Ende jeden Monats etwas Geld zur Seite legen. Wir bezeichnen uns beide als glücklich.

Die Tatsache, dass wir uns im März 2012 kennenlernen, bereichert unser beider Leben unverhofft und völlig unerwartet – vervollkommnet unser beider Glück. Die Welle dieses Glücks und unsere Dankbarkeit darüber verwandeln wir vom ersten Tag an in positive Energie und wagen einen neuen Abschnitt in unserem von nun an gemeinsam gelebten Leben. Wir sind uns darüber bewusst, dass es genügend Gründe gäbe, all das nicht zu tun. Doch wir wissen, dass es für uns in diesem Moment keinen einzigen Grund gibt, es nicht zu tun.

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Ich bin an diesem regnerischen Abend 35 Jahre alt. Peter ist 40. Wir stehen in der Mitte unseres Lebens. Doch wir möchten diese Reise wagen, solange wir jung und gesund sind. Wir möchten die Welt sehen, wie sie wirklich ist. Wir möchten unsere Vorstellungen dieser Welt bestätigt wissen – oder auch berichtigen. Wir möchten die Welt jetzt sehen – so lange sie noch so ist. Und wir möchten gerne fremde Kulturen und Menschen kennenlernen.

Doch wir möchten vor allen Dingen uns selbst kennenlernen. Wir möchten viel Zeit miteinander verbringen – mehr Zeit als uns unser derzeitiges Leben erlauben würde. Wir möchten wissen, was Freiheit bedeutet und wie wir damit umgehen werden. Aber auch was es bedeutet, weniger zu haben, einfacher zu leben. Wir möchten wissen wie wir als Team funktionieren und aneinander wachsen können. Wir möchten leben und sein und spüren und uns bewegen. Wir möchten uns reduzieren, den Ballast abwerfen und uns frei machen. Wir möchten das Geschehene hinterfragen. Wir möchten uns nicht verändern – doch gemeinsam entwickeln und voneinander lernen.

Vor allem möchten wir uns den nötigen Raum und die Zeit für all das geben!

Und vielleicht möchten wir am Ende sagen, dass alles gut ist wie es vor der Reise war – und uns sakrisch darüber freuen. Wir möchten Schüler sein, von uns selbst, voneinander, von – und in dieser Welt.

Und so stehen wir ganz am Anfang einer sehr langen Straße die uns vielleicht eine Richtung weisen kann – uns aber nicht zwingend an ein Ziel bringen muss.

PETER.

Rückblick. Es ist unerträglich heiß. Die Straße furchtbar schlecht. Vor schlappen zwölf Stunden bin ich mit dem Bus in Guatemala City losgefahren. Ölige Teigtaschen vom letzten Umsteigen in der fettigen Tüte. Ein Knoblauch – und noch vieles mehr –ausdünstender Sitznachbar. Vollkommen übermüdet, durchgerüttelt, durchgeschwitzt und hungrig schlage ich an einem trostlosen Busbahnhof auf. Mühsam sind alle Habseligkeiten wieder im Rucksack verstaut, alle Gliedmaßen einigermaßen zurecht gerückt. Tief Luftholen! Und dann trete ich hinaus, in die knallharte Reiserealität!

„Mister! Come come! Taxi! You need taxi?“ „Mister! Mister! I know a very good Guesthouse!“ 

Paawauw! Der nächste Schlag! Acht My Friends bedrängen mich und schreien etwas von „the nicest“, „the cheapest“, „the best location in town“, „the you-will-never-want-to-leave-again“ … Hotel! … Restaurant … „Come! Very good price for you!“ … wie schön! Ich bin angekommen!

Das ist natürlich nur einer der vielfältigen Gründe, warum ich eine Langzeitreise lieber mit dem eigenen Fahrzeug machen wollte – und immer noch will!

Reisen mit dem Rucksack ist wunderbar. Ich habe es geliebt. Jen auch. Aber dauernd? Rund um die Uhr. Für ein bis zwei Jahre … auf unbestimmte Zeit? Vielleicht bin ich älter – und eigener – geworden?

Um ehrlich zu sein, ich liebe es meinen eigenen Raum zu haben. 

Egal wie klein dieser ist. Ein Raum, den ich so gestalten kann, wie er mir gefällt. Meine Sachen sind mehr oder weniger immer an der gleiche Stelle, mein Chaos ist – wie zuhause – komplett selbst verschuldet. Nun, unser Auto ist unser Zuhause! Aber das Wichtigste: wir können diesen eigenen, ganz privaten Raum, unser Zuhause, überall hinstellen. Und wir sind angekommen. Egal wo.

Da wir beide sehr naturverbunden sind, zieht es uns eh immer an die Flüsse, ans Meer, in die Wälder, die Wüsten, die Berge … in das somewhere out there. Mit unserem Unimog müssen wir uns wegen der Beschaffenheit des Weges dorthin nicht allzu viele Gedanken machen. Wir finden (fast) immer ein traumhaftes Fleckchen an dem man den Sonnenuntergang genießen kann. Und dann kommt die Nacht und mit ihr die Dunkelheit und all die spannenden Geräusche: das Wellenrauschen am einsamen Strand, das Vogel- oder Insektenkonzert im Urwald, die grasende Yakherde, die im Schutz der Nacht vorbeizieht, die perfekte Stille in der Wüste und dieses Rascheln – dieses Rascheln von dem wir nicht so genau wissen was es ist.

Mitten in der Natur zu stehen, die beeindruckende Landschaft um uns herum wahrzunehmen, den Geruch von Erde, Wald, Wasser, Stein aufzusaugen oder manchmal auch gar nichts riechen zu können, und die Einsamkeit zu fühlen, das sind die besonderen Momente, die ich mit unserem eigenen Fahrzeug sehr oft und sehr intensiv erlebe.

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Über all dem steht aber das Gefühl von Selbstbestimmung, Freiheit, Unabhängigkeit, vom Weiterziehen-Können wenn ich es selbst will – und wirklich nur dann, wenn ich es selbst will.

Und dann tauche ich ein in das Leben in einem fremden Land – denn auf der Straße, da ist das Leben! Auf der Straße sind die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zum Markt, zu ihren Liebsten daheim, auf dem Weg zum Essen, wenn sie nicht eh gleich an der Straße essen. Zweiräder werden repariert, Vierräder auch, Tiere kreuzen den Pfad, wir fragen nach dem Weg, finden ihn … oder auch nicht, werden angesprochen. An der Tankstelle versucht man uns über den Tisch zu ziehen, wir lachen, staunen … und wenn wir wollen, dann halten wir an und sind angekommen. Bis wir wieder weiterfahren.

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Natürlich ist das Reisen mit dem eigenen Truck nicht immer nur romantisch und Abenteuer pur. Technische Probleme oder die einfache, tagtägliche Wartung des Fahrzeugs „bremsen“ uns oft aus. Aber – und das lerne ich unterwegs – es gibt immer eine Lösung! Und was gibt es Lohnenderes als eine Lösung zu einem echten Problem gefunden zu haben?

Und so reisen wir und erfahren Kilometer für Kilometer was „Der Weg ist das Ziel“ eigentlich bedeuten mag.

© 2015 The Travel Episodes – All rights reserved. Ein Projekt von Johannes Klaus, Berlin, und dem Malik Verlag, München.
Inspirierende Multimedia-Reportagen und Reiseberichte von Reiseautoren und Reisebloggern über ihre Reisen und Abenteuer.

 

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Dieser Beitrag wurde am Dezember 27, 2015 um 2:58 pm veröffentlicht und ist unter Reisen abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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